Let’s talk about Erwerbslosigkeit, Baby!

Kommunique aus dem Mikrokosmos eines erwerbsarbeitslosen Arbeiters

 

Alles beginnt damit, dass Fragen an dir nagen. „Wofür halten sich diese Firmen, die dich nicht mal einer Antwort auf deine Bewerbung für würdig befinden? Warum bekomme ich nicht mal den Anflug einer Chance, mich zu beweisen? Habe ich kein Recht auf eine eigenständige Existenzsicherung? Droht mir irgendwann ein Leben auf der Strasse?“ Manchmal meldet sich dein rebellischer Geist und fragt „Fühlen sich andere Erwerbslose auch so? Warum steigen wir nicht gemeinsam auf die Barrikaden wie die Piqueter@s in Argentinien?“ Doch an schlechteren Tagen taucht auch diese eine Frage auf „Bin ich wirklich zu nichts zu gebrauchen?“ Und dann wird dir klar, dass sich mal wieder das ekelhafte System in dein Hirn gefressen hat.

 

Sieben Jahre, nein, bald schon acht Jahre sind es nun. Acht Jahre, in denen ich mein Leben ohne Job bestreite. Alle paar Wochen beim AMS vorstellig werden und doch keine sinnvolle Unterstützung von dieser Seite bei der Jobsuche erfahren. Es nach langen Versuchen schließlich aufgeben, sich überhaupt noch zu bewerben, weil du 1. Besseres zu tun hast als täglich Dutzende Bewerbungen rauszuhauen, auf die ohnehin keiner antwortet und 2. zu der Erkenntnis kommst, dass deine Fähigkeiten und Leidenschaften eben nicht auf dem Markt nachgefragt werden, denn in unserer heutigen Zeit gibt es eben wenig oder keinen Platz für kritische Historiker_innen und Politikwissenschafter_innen, aber viel Platz für irgendwelche noch so sinnbefreite Berufe, die aber für die Unternehmen den Vorteil haben, privaten Profit zu schaffen. An schlechteren Tagen die Zeit tot schlagen, an besseren Tagen aktiv und tätig sein. Die Zeit tot schlagen: nicht wissen, was du mit deiner Zeit anfangen sollst und dann wertvolle Lebenszeit mit eher sinnfreien Tätigkeiten wie Computerspielen verschwenden. Aktiv und tätig sein: die Zeit nutzen, um Dinge zu tun, die deinem Leben einen Sinn geben wie Bildung, Freund_innen treffen, Schreiben.

 

Und es ist trotzdem nicht so, dass mich die Arbeitslosigkeit unglücklich macht. Vielmehr ist es die Erwerbslosigkeit, die mich unter Hochspannung setzt. Abhängig sein, von der Familie und von Sozialleistungen. Bei allem, wo Geld im Spiel ist, der Gedanke, dass ich den Menschen dankbar sein muss, die mir das ermöglichen. Wenn ich auf ein Skakonzert gehe und Spass habe, wird es mir manchmal durch den Hintergedanken verdorben, dass ich mir das aus eigener Kraft gar nicht leisten könnte. Aber auch bei grundsätzlichen Bedürfnissen im Alltag immer wieder die Erkenntnis, dass andere Menschen für mich sorgen und für meinen Lebensunterhalt aufkommen. Und dann das schlechte Gewissen.

 

Und die Wut. Darüber, dass diese Gesellschaft einen Menschen nicht an sich für wertvoll und einzigartig befindet. Darüber, dass der „Wert“ eines Menschen davon abhängig gemacht wird, ob er oder sie eine Arbeitsleitung erbringt. Darüber, dass die Menschen aufgrund ihrer „Nützlichkeit“ im Job in „wertvolle“ und „wertlose“ Mitglieder der Gesellschaft kategorisiert werden. Darüber, dass unsere Lebenschancen, unsere Existenzsicherung und unser Glück an diese Kategorisierung geknüpft werden. Darüber, dass du aus der Gesellschaft heraus fällst und im Elend landest, wenn du als „nutzlos“ eingestuft wirst. Darüber, dass unsere Kreativität einer eiskalten Kosten-Nutzen-Rechnung unterworfen wird und unsere Schaffenskraft im Dienste der kapitalistischen Profitmaximierung solange vernutzt wird bis sie nicht mehr brauchbar ist und im Straßengraben endet. Darüber, dass sich viel zu viele Menschen von den rechten Hassprediger_innen und Verbalterrorist_innen aufhetzen lassen und an der Diskriminierung von uns Erwerbslosen teilnehmen, so wie sie auch gegen andere mehr oder weniger Minderheitengruppen hetzen.

 

Und auch die Enttäuschung. Darüber, dass wir Erwerbslosen kaum den Arsch hochkriegen, um uns zu vernetzen und zu organisieren und kollektiv für unsere Rechte und Interessen kämpfen. Darüber, dass das Leben so viel mehr zu bieten hat und eine abenteuerliche und gemeinsame Reise ins Glück sein kann – und doch verspricht uns das kapitalistische System nichts weiter als die tägliche Schufterei für einen Hungerlohn und das Elend der Erwerbslosigkeit. Darüber, dass wir nicht in der Masse unsere gemeinsamen Interessen entdecken und zusammen gegen den Kapitalismus und also für die Emanzipation und ein gutes und schönes Leben für alle im Kommunismus kämpfen.

 

Kommunismus… endlich Zeit haben, das Leben zu genießen. Endlich eine gute und schöne Gesellschaft, in der Luxus für alle das Prinzip ist und nicht wie in der gegenwärtigen schlechten und hässlichen Gesellschaft nur Profit für wenige/Armut für die meisten. Endlich nicht mehr unter dem Zwang stehen, im Rahmen von Arbeit etwas leisten zu müssen, um sich im Gegenzug gnädigerweise gerade mal mit den notwendigen Dingen des Lebens versorgen zu „dürfen“. Sich endlich zusammen mit den anderen auf die abenteuerliche Reise und die aufregende Suche nach dem Glück begeben.

 

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