Meuterei auf der „Europa“

Ein Schiff segelt über den Ozean. Es ist die „Europa“. An Bord befindet sich ein bunter Haufen von mehreren Hundert Menschen aus verschiedenen Orten der Welt. Das Kommando über das Schiff liegt bei einer kleinen Gruppe von Offizieren, die bestimmt, wohin die „Europa“ segelt und in welchen Häfen sie anlegt. Es handelt sich bei der „Europa“ um ein Piratenschiff. Während ein kleiner Teil der bei den Überfällen auf andere Schiffe und Häfen gemachten Beute unter der Besatzung aufgeteilt wird, um gerade ihre notwendigen Grundbedürfnisse zu sichern, eignet sich die Gruppe der Offiziere den Löwenanteil der Beute an, um sich ein Leben in Luxus und Wohlstand zu ermöglichen. Gerechtfertig wird diese Ungleichheit damit, dass das Schiff und alle Waffen und Instrumente das Eigentum der Offiziere sind. Der Rest der Besatzung ist also abhängig, denn er muss – will er denn überleben – bei allem mitmachen, was den Offizieren einfällt.

Nun plündert und brandschatzt die „Europa“ in diversen Regionen von Afrika, Asien und Lateinamerika. Manchmal werden neue Mannschaftsmitglieder aus diesen Erdteilen aufgenommen. Sie befinden sich jedoch auf der untersten Stufe der Hierarchie auf der „Europa“ und leben unter sklavenähnlichen Bedingungen, während sie gleichzeitig die schwerste und bei den anderen nicht populäre Arbeit leisten. Besonders schwierig haben es auch die Frauen an Bord der „Europa“. Denn anders als bei den Männern steht ihnen kein Anteil an der Beute zu. Von ihnen wird vor allem erwartet, dass sie Tätigkeiten verrichten, die den Männern an Bord gut tun und ohne die der Betrieb auf der „Europa“ nicht funktionieren würde wie Pflegen, Kochen, das Deck schrubben. Die männlichen Besatzungsmitglieder sehen es als einen Akt der Gnade an, wenn sie den Frauen am Ende des Tages etwas zu Essen geben. Manchen Frauen gelingt es unter doppelter Kraftanstrengung, sich doch einen Anteil an der Beute zu verschaffen, indem sie neben dem Kochen und Deck schrubben auch noch beim Plündern und Brandschatzen mitmachen.

Nun entsteht von Zeit zu Zeit eine gewisse Unruhe an Bord der „Europa“. Denn manche wollen es einfach nicht einsehen, warum sie nur einen kleinen Teil der Beute erhalten, der gerade zum Überleben ausreicht. Sie wollen auch ein Stück mehr vom Kuchen und sich schöne, neue Kleidung oder einen eigenen Papagei leisten. Wenn dann einer oder eine vortritt und sich laut bei den Offizieren beschwert, setzt es in der Regel eine Strafe wie Peitschenhiebe oder das tagelange Festbinden am Aussichtsmast ohne Wasser und Brot. Sobald sich aber der Unmut in der Mannschaft breit macht, überlegen sich die Offiziere, auf wen sie die Unzufriedenheit lenken können, um nicht selbst in den Mittelpunkt des Aufruhrs zu geraten. Also beschuldigen sie die neuen Mitglieder der Besatzung, die in Afrika, Asien und Lateinamerika frisch an Bord dazu gestoßen sind, schuld am ganzen Elend zu sein. Ihnen wird unterstellt, dass sie den ganzen Tag nur faul in der Hängematte liegen, etwas von der Beute stehlen, beim Karten spielen betrügen und überhaupt nur überflüssige Esser seien. Und siehe da – Glück gehabt! Denn der Unmut der Besatzung richtet sich tatsächlich bald gegen die frischgebackenen Piraten und Piratinnen. Sie werden brutal verprügelt und manche von ihnen über die Planke ins Meer gestoßen, wo sie elendig ertrinken oder von den Haien gefressen werden. So legt sich die Unzufriedenheit unter der Besatzung schnell wieder. Beim nächsten Mal werden die Offiziere vielleicht die Unzufriedenheit auch gegen andere Minderheiten an Bord lenken wie Homosexuelle und Piraten und Piratinnen mit einer Behinderung. Sie werden sich da sicher schon etwas einfallen lassen.

Inzwischen setzt sich der Betrieb an Bord der „Europa“ fort wie jeden anderen Tag. Doch nicht ganz wie jeden Tag, denn einer der Piraten hat in einem Hafen, in dem das Schiff vor Anker lag, ein Buch aufgetrieben. Es besteht aus drei dicken Bänden und trägt den Titel „Das Kapital“ von Karl „Black Eye“ Marx. Das Werk von „Black Eye“ Marx hat den Piraten sehr zum Denken angeregt. Er hat damit begonnen, die Verhältnisse auf der „Europa“ kritisch zu hinterfragen. Und schließlich ist er zu der Erkenntnis gelangt, dass es doch viel einfacher und angenehmer für alle wäre, wenn die Herrschaft der Offiziere durch eine egalitäre Kommune der Piraten und Piratinnen ersetzt wird, die gemeinsam alles teilen anstatt um jedes Brotkrümel in Konkurrenz zu treten. Es ist ja genug Beute für alle da! Aber erst müssen das Schiff, die Instrumente und Waffen aus dem privaten Eigentum der Offiziere in das gesellschaftliche Eigentum der ganzen Besatzung überführt werden. Der Pirat macht sich noch mehr Gedanken und erkennt schließlich, dass vom Denken allein niemand satt wird und dass er sich daher Verbündete für eine Meuterei suchen muss.

Nach einigem Hin und Her gelingt es dem Piraten, andere von seiner Sache – oder besser gesagt: eigentlich von der Sache aller – zu überzeugen. Es kommt also wie es kommen muss: ein Teil der Besatzung meutert. Nur anders als bei früheren Revolten an Bord der „Europa“ lassen sich die rebellischen Piraten und Piratinnen dieses Mal nicht mehr durch die Ablenkung auf einen Sündenbock von ihrer gerechten Sache abbringen. Durch ihre überlegenen Fechtkünste schaffen sie es schließlich, die Offiziere und ihre Komplizen zu entwaffnen. Unter allgemeinem Gejohle setzen sich die siegreichen Rebellen und Rebellinnen mit den unterlegenen Offizieren an einen Tisch und fertigen einen Vertrag aus. Das Schiff, die Instrumente und Waffen gehören ab dem heutigen Tage allen, die Teil der Besatzung sind. Doch das Plündern und Brandschatzen ist doch eine recht brutale und nicht besonders soziale Angelegenheit, also wird man nun dazu übergehen, sich auf einer hübschen Insel irgendwo in der Karibik niederzulassen und dort gemeinsam eine Kommune von Ex-Piraten und Ex-Piratinnen aufbauen. Um nicht die gleichen Fehler wieder zu begehen, ist natürlich klar, dass es in dieser Kommune nur ein gesellschaftliches Eigentum an Produktionsmitteln geben wird. Der notwendige Arbeitsaufwand wird durch jene gerade aufkommenden, neumodischen Erfindungen namens Maschinen für alle auf ein möglichstes Minimum herabgesetzt. So bleibt für alle ein möglichstes Maximum an Zeit übrig, um das Leben endlich in vollen Zügen zu genießen.

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