Arbeitest du noch oder lebst du schon?

Jede Arbeit sei besser als keine Arbeit, so heißt es gemeinhin. Nur äußerst selten wird diese in unserer Gesellschaft dominierende Arbeitsideologie hinterfragt, die fast schon religiöse Züge annimmt. Die Fundamentalist_innen der Arbeit degradieren menschliche Individuen zu Robotern, die sich den Interessen der kapitalistischen Wirtschaft zu unterwerfen haben. Wer meint, die Wirtschaft habe dem Zweck zu folgen, die materiellen Bedürfnisse der Menschen zu decken, befindet sich auf dem Holzweg – da im Kapitalismus nur die Profitmaximierung zählt, müssen wir auf die Erfüllung unserer Bedürfnisse oder gar Wünsche verzichten. Bedürfnisse – das ist bestenfalls ein Marketing-Gag und wird als Vehikel benutzt, um privaten Reichtum zu steigern. Gerade die Werbung liebt es, mit unseren Bedürfnissen zu spielen – manchmal diese auch zu manipulieren – um irgendein Produkt zu verkaufen. Work, buy, consume, die (Arbeiten, kaufen, konsumieren, sterben) – das scheint der einzige Horizont zu sein, den der Kapitalismus uns bietet. Wer mehr vom Leben erwartet, hat Pech gehabt.

 

Etwas zu bewerten ist heute groß in Mode. Vom Posting bis zum Video kannst du im Internet alles Mögliche bewerten und ganze Länder geraten in Panik, wenn eine Ratingagentur nicht die Bestnote vergibt. Auch Menschen wird ein Wert verliehen, aber nicht wie man in einer zivilisierten Welt vermuten möchte, als Menschen an sich – nein, Menschen werden danach bewertet, welche Arbeitsleistung sie erbringen. Wer einer Arbeit nachgeht, hat Glück gehabt, denn er oder sie kann nicht nur die eigene Existenz halbwegs sicherstellen (gleichwohl auch das immer weniger, Stichwort: Working poor), er oder sie wird von der Gesellschaft als wertvoll angesehen. Wer keine Arbeit findet oder nicht bereit ist, für miesen Lohn jede noch so miserable Arbeit zu übernehmen, hat die Arschkarte gezogen, denn ihm oder ihr fehlen nicht nur die Mittel zur Existenzsicherung, er oder sie wird von der Gesellschaft auch als minderwertig betrachtet und herabgewürdigt.

 

Erwerbslose müssen um sozialstaatliche Unterstützung kämpfen, denn das Arbeitslosengeld wird scheinbar mehr als Gnade und weniger als gutes Recht gesehen. Ihnen wird zugemutet, dass sie jeden mies entlohnten Drecksjob annehmen. Manche netten Zeitgenoss_innen fordern sogar, dass Erwerbslose dazu gezwungen werden müssten, Gratisarbeit „für die Gemeinschaft“ zu leisten. Was bei alldem meistens untergeht, ist die Tatsache, dass Erwerbslose die „nützlichen Idioten“ des kapitalistischen Systems sind. Sie werden von den Unternehmer_innen als Druckmittel missbraucht, um die Löhne zu senken. Gleichzeitig dienen sie der Unternehmerschaft und ihren politischen Kompliz_innen als Blitzableiter, denen „Sozialmissbrauch“ und diverse andere kriminelle Machenschaften unterstellt werden. Das ist praktisch, denn wenn schnell ein Sündenbock zur Hand ist, dann schaut niemand mehr so genau nach, wer eigentlich davon profitiert, dass die Löhne niedrig sind und die Sozialleistungen gekürzt werden.

 

Aber zurück zur Arbeit. In der gängigen kapitalistischen Heilslehre gilt Arbeit als „natürlich“ und wird als notwendig für die gesellschaftliche Integration und Anerkennung des Einzelnen verklärt – und nicht als das wahrgenommen, was Arbeit nun mal ist: ein notwendiges Übel und das entscheidende Mittel zur kapitalistischen Profitmaximierung. Die Ironie dabei ist, dass diejenigen, die dieser Arbeitsreligion huldigen, meistens auch diejenigen sind, die nicht bereit sind, geleistete Arbeit insofern anzuerkennen, als dies bedeuten würde, hohe Löhne zu bezahlen. Unternehmer_innen und ihre politischen Kompliz_innen verherrlichen die Arbeit, aber nur, wenn sie nichts kostet. Gewerkschaften und der Kampf für höhere Löhne und würdige Arbeitsbedingungen werden von ihnen dem Reich des Bösen, also dem „Kommunismus“ zugerechnet. Eine Tendenz ist außerdem, dass menschliche Arbeit zum Zweck der Profitmaximierung durch den Einsatz von Maschinen ersetzt wird. Arbeit wird also zunehmend überflüssig. An sich wäre das ein Grund zum Feiern, denn die Menschheit könnte unter geringem Arbeitsaufwand die Früchte der Arbeit genießen und die gewonnene Zeit mit Muße und Vergnügen verbringen. Aber nicht so im Kapitalismus: Hier verkommt die an sich wünschenswerte Entwicklung hin zu weniger Arbeit zum Alptraum, weil ja die Existenzsicherung der Menschen an eine Arbeitsleistung gekoppelt ist. Es läuft also darauf hinaus, dass die Tendenz zur Automatisierung und somit zur Arbeitsersparnis dazu führt, dass immer weniger Menschen ihre Existenz sichern können.

 

Auch wird in der Regel nicht weiter hinterfragt, was überhaupt die inhaltliche Bestimmung der Arbeit ausmacht. Durchforstet man die täglichen Jobanzeigen, so bemerkt man vielleicht bald, dass der überwiegende Teil der ausgeschriebenen Stellen solche Jobs sind, die einzig und allein dazu dienen, den Kreislauf der kapitalistischen Wirtschaft zu erhalten. Egal ob Marketing, Vertrieb oder Logistik – die Arbeit dient nur dazu, eine Firma am Laufen zu halten und den Profit zu maximieren. Es ist scheinbar nicht weiter wichtig, dass die Gesellschaft und die menschlichen Individuen einen Nutzen aus der Arbeit ziehen – von Bedeutung ist ausschließlich der Nutzen der Arbeit für privatwirtschaftliche Interessen. Ganz zu schweigen vom Nutzen der Arbeit für denjenigen Menschen, der diese Arbeit leistet. Ob die Arbeit Spaß macht, den Fähigkeiten entspricht und als sinnvolle Aufgabe erachtet wird, ist nämlich kein relevantes Kriterium.

 

Arbeit ist ein notwendiges Übel. Arbeit ist gesellschaftlich notwendig, um die Grundlage für unsere Bedürfnisbefriedigung zu schaffen, aber es ist möglich, durch den Einsatz von Technologie die notwendige Arbeit für jede und jeden von uns auf ein Minimum zu reduzieren. Es bliebe viel Zeit, um unser Leben den schönen Dingen zu widmen. Das Bemerkenswerte am Kapitalismus ist nun aber die Tatsache, dass die Existenzsicherung durch ein Einkommen untrennbar an Arbeit gekoppelt ist. Wir verschwenden den größten Teil unserer Lebenszeit mit Arbeit, unsere Arbeitskraft wird zum Zweck der privaten Profitmaximierung vernutzt. Solange wir Kapitalismus haben, wird sich daran auch nichts ändern. Damit wir uns das Leben ganz aneignen, es also von der Diktatur der Arbeit befreien können, ist ein Systemwechsel erforderlich, der mit dem Kapitalismus radikal bricht und das Privateigentum an Produktionsmitteln abschafft. Erst wenn die Produktionsmittel in gesellschaftlicher Hand liegen und die Produktion demokratisch durch die Arbeiter_innen organisiert wird, eröffnet sich der Weg zur menschlichen Emanzipation.

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