Fragen eines lesenden Erwerbsarbeitslosen

 

Für die Mehrheitsgesellschaft bist du ein „Sozialschmarotzer“, der es sich in der „sozialen Hängematte“ bequem macht. Die FPÖVP schürt gerade in Vorwahlzeiten den Hass und die Ressentiments der Mehrheitsgesellschaft gegen Erwerbsarbeitslose. Und du fragst dich: was habt ihr eigentlich für ein Problem? Bist du in dieser Gesellschaft nur dann etwas wert und wirst du nur dann als Mensch respektiert, wenn du jeden Tag zur Arbeit gehst und Steuern zahlst? Was ist eigentlich so schlecht daran, deine Zeit nicht mit Arbeit zu verplempern? Und was sollen die Hetztiraden, wo doch die Klientel der FPÖVP, die Wirtschaftstreibenden und Leistungsträger, uns Erwerbsarbeitslose so dringend brauchen – als Sündenbock, Feindbild, Blitzableiter und vor allem als Druckmittel gegen die Privilegierten, die noch einer Erwerbsarbeit nachgehen, aber „zu viel“ Lohn verdienen.

 

In Österreich scheint alles sehr individualisiert zu sein: Die Probleme, die wir als Erwerbsarbeitslose teilen, werden auf den einzelnen abgewälzt, der sich dann allein irgendwie durchwursteln muss. Stress mit dem AMS: Drohungen und Leistungskürzungen; Zeitverschwendung mit sinnlosen Kursmaßnahmen; Zwangsverpflichtung zu niedrig entlohnter Arbeit; soziale Ausgrenzung und Isolation; von FPÖVP geschürte Ressentiments der Mehrheitsgesellschaft usw.

 

Du fragst dich, wie viel Leidensdruck die Erwerbsarbeitslosen in diesem Land noch aushalten bis sie endlich auf die Barrikaden steigen? In Argentinien zum Beispiel lassen sich die Erwerbsarbeitslosen die Zumutungen des Kapitalismus nicht so einfach gefallen. Dort erheben die Piqueter@s – die organisierten arbeitslosen ArbeiterInnen, wie sie in Argentinien genannt werden – mit Nachdruck ihre Stimme mit mal mehr, mal weniger kämpferischen Forderungen, bauen Barrikaden aus brennenden Reifen und blockieren Straßen. Die Solidarität und der Zusammenhalt sind größer als bei uns. Während der Krise 2001, als in Argentinien die Massen gegen jede Regierung rebelliert haben, haben sich die Erwerbsarbeitslosen zusammengeschlossen und für einander Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs organisiert.

 

Bei uns fehlen solche Erfahrungen und Traditionen einer kämpferischen Erwerbslosenbewegung. Die Vereinzelung und mangelnde gesellschaftliche Solidarität erschweren die Etablierung militanter Erwerbslosenproteste. Dabei gilt es doch klar zu machen, dass Erwerbsarbeitslose und ArbeitnehmerInnen in einer ähnlichen sozialen Situation sind, was Solidarität erfordert. Von einem Einkommen durch Lohnarbeit abhängig sind wir alle, wir sind alle Arbeiterklasse – der Unterschied ist nur, dass die einen noch in der glücklichen Lage sind, dass ihre Arbeitsleistung vom Kapital als nützlich erachtet und gebraucht wird, während die anderen als „Überflüssige“ an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, wo sie auf staatliche Almosen angewiesen bleiben.

 

Die dringende Notwendigkeit einer sozialen Bewegung, die die Selbstorganisation und direkte Hilfe von Erwerbsarbeitslosen vorantreibt, drängt sich also geradezu auf. Keine politische Partei wird für uns sprechen, keine Regierungsbürokratie wird unsere Interessen wahrnehmen, kein Unternehmen wird unsere Bedürfnisse decken. Für unser Wohlergehen und unsere Rechte sind wir selbst verantwortlich. Nehmen wir diese Verantwortung endlich wahr und organisieren wir uns! Lasst uns für Freiräume kämpfen, schaffen wir als ersten Schritt selbstverwaltete Erwerbslosenzentren, in denen wir uns begegnen, kommunizieren und am Aufbau einer breiten Erwerbslosenbewegung arbeiten können.

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